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(GB 1974)
Frightmare - Alptraum / Brainsuckers / Once Upon a Frightmare

Regie: Pete Walker

Drehbuch: David McGillivrayPete Walker

Kamera: Peter Jessop

Musik: Stanley Myers

Darsteller: Rupert DaviesSheila KeithDeborah Fairfax

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"They said she was well again! They said she was well..."

Wen man „britischer Horror“ der 70er Jahre hört, dann denkt man sofort an die Produktionen der Hammer-Studios und eventuell auch noch an die Episodenfilme der Amicus. Dabei gab es auf der Insel auch noch andere Produzenten, die es schafften Horror mit dem was man als typische englisch bezeichnet zu verbinden. Sei es nun der „Tower of Evil“, die beiden „Dr. Phibes“-Filme oder der großartige „Theatre of Blood“; der Inselorror hatte bedeutend mehr Facetten als nur „Dracula jagt Minimädchen“.

f12In den ersten Jahren des Videozeitalters entwickelte ich so eine Liebe zu den seltsamen Filmes eines gewissen Pete Walker, die einen ganz eigenen Stil hatten. Dem damaligen – eher dürftigen - Filmangebot der Verleiher geschuldet war Walker, dank der günstig zu bekommenden Lizenzen, auch gut im Programm vertreten. Als dann später auch große Firmen wie Warner oder die CentFox ihre Türen für die Magnetbandvermarktung öffneten wurden die kleinen fiesen Filme des Herrn Walker schnell zu gesuchten Raritäten im Wust der auf Neuveröffentlichungen spezialisierten Videotheken. Die absurde Indizierungspolitik der BPS tat dann noch ein übriges, dass Werke wie „House of the whipcord“ oder der hier zu besprechende „Frightmare“ schnell in Vergessenheit gerieten. Auch der Wechsel auf die DVD half da nichts, schließlich mussten in den ersten Jahren der Silberlinge erst einmal die Kassenschlager an den Mann/die Frau gebracht werden.

Deshalb ist es um so schöner, dass sich Wicked-Vision nun mit seiner Pete Walker-Collection diesem fast vergessenen Filmemacher annimmt, selbst wenn die Werke den heutigen Sehgewohnheiten doch eher widersprechen.

f02„Frightmare“ erzählt die Geschichte des absonderlichen Ehepaares Edmund (Rupert Davies) und Dorothy (Sheila Keith) Yates, die aufgrund ihrer seltsamen Lebensumstände – Dorothy liebt es frisches Menschenhirn zu essen – 13 Jahre in einem „Irrenhaus“ verbracht haben, nun aber bereits wieder einige Zeit als „geheilt“ entlassen sind. Natürlich leben die beiden von der Öffentlichkeit abgeschieden in einem kleinen Landhaus und nur Jackie (Deborah Fairfax) Edmunds Tochter aus erster Ehe hält noch Kontakt zu ihnen. Über diese junge Frau lernen wir auch ihre jüngere Schwester Debbie (Kim Butcher (!) ), die logischerweise aus der unheiligen Verbindung des älteren Paares stammt, kennen. Diese ist natürlich ein aufmüpfiger Teenager, der auch schon Mal – dank ihres aus „Rockern“ bestehenden Freundeskreises – mit der Polizei zu tun hat.

Grundsätzlich ist das eigentlich schon alles, was man über die Geschichte wissen sollte, um sich den Spaß an dieser etwas anderen Kannibalenstory nicht zu verderben. Allerdings ist ja auch hier – wie in vielen Genreproduktionen und den Filmen von Pete Walker im Speziellen – nicht das was, sondern das wie interessant.

f01Denn die Filme des guten Pete bezogen ihre Faszination nicht unbedingt aus den typischen Zutaten, wie ein wenig Splatter und – speziell in seinen ersten Werken nach seiner Karriere als Softsexfilmer – ein wenig nacktem Fleisch, sondern aus seinem kontroversen Blick auf das jeweils aktuelle Geschehen in seinem Heimatland England. So hat man zu Beginn von „Frightmare“ tatsächlich den Eindruck einen Film eines 68ers zu sehen, wenn wir die 15-jährige Debbie und ihre Gang dabei betrachten, wie sie versuchen in einem Pub herumzustänkern. Hier bereits erweist sich die „süsse“ Kleine als ein echtes Arschlochkind, das mit fiesem Grinsen Öl in die Flammen streut.

Erst als es zur Eskalation kommt scheint sie halbwegs glücklich zu sein. Wenn sie dann zu ihrer Schwester nach Hause kommt und dessen Moralpredigt mit einem weiteren Grinsen abtut, wünscht man sich als Zuschauer plötzlich – und speziell von mir als eher liberalem Menschen unerwartet – Jackie würde diesem unerzogenen Blag einfach mal eine Ohrfeige verpassen.

f11Auch Jackies Freunde, die freundlich versuchen sie zu unterstützen, kommen eher als Weicheier rüber – Walker scheint keine Liebe für die Freunde der freien Liebe und der antiautoritären Erziehung übrig zu haben.

Generell sind in „Frightmare“ sämtliche „modernen“ Ansichten von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Sei es nun die - zu Beginn - „disfunktionale“ Familie, deren Zusammenführung nur durch das einzige liberale Mitglied derselben zu scheitern scheint, der herbeizitierte Psychologe, dessen Fehlinterpretation zur letztendlichen Katastrophe führt oder gar die Justiz, deren „Schlaffheit“ dafür sorgt, dass die geisteskranke Kannibalin weiter ihrer Lust frönen kann.

Einzig das Matriachart erweist sich letztendlich als eine zufriedenstellende Lösung, was dann letztlich – auch passend zum sehr englischen Humor des Filmes – zu einem Happy End für einige überlebende Beteiligte führt.

f05Da Schönste aber an „Frightmare“, wie auch generell an den Filmen von Pete Walker, ist, dass er selbst dann noch funktioniert, wenn man diesen sozialpolitischen Subtext nicht wahrnimmt. Alle Figuren sind mit all ihren kleinen und großen Fehlern glaubhaft und interessant genug, dass man ihnen gerne durch die Handlung folgt. Selbst Nebenfiguren, wie Jackies Freunde, die letztendlich nichts mit der Auflösung des Filmes zu tun haben, haben ihren Sinn, weil sie unserer Protagonistin ein wenig nötige Tiefe geben.

Speziell hervorzuheben sind hier allerdings – wie so oft bei Walker – die älteren Darsteller. Die englische TV-Legende Rupert Davies, der leider bereits im Jahr 1976 verstarb, spielt die Zerissenheit des zwischen seiner Liebe zu seiner Frau und der Verachtung ihrer Taten hin- und hergerissenen Ehemannes mit einer Intensität, die sich leicht auf den Zuschauer überträgt.

f10Und Sheila Keith ist, wie auch in ihren anderen Arbeiten für Walker, einfach nur – im wahrsten Sinn des Wortes - hinreissend böse. Auf der einen Seite verkörpert sie die liebevolle Mutter und Ehefrau, gebeutelt von der „ungerechten“ Strafe, die sie erlitten hat um in der nächsten Szene eiskalt einen jungen Mann mittels einer Bohrmaschine zu verstümmeln. Frau Keith ist in der Rolle der Dorothy ein Highlight, das man nicht so leicht vergisst und hat sie auch noch ein Mal im Jahr 2001 in der hier verlinkten Episode der Horror-Comedy-Show „Dr. Terribles House of Horror“ gespielt.

„Frightmare“ ist natürlich kein Splatterfest, auch wenn er die ein oder andere, für damalige Verhältnisse, saftige Szene zu bieten hat. Der Film ist halt eher was für die Freunde des abseitigen englischen Humors, auch wenn er vordergründig sehr ernsthaft daherkommt. Das ist eben das, was die Filme des Herrn Walker ausmacht und vielleicht ist auch gerade das der Grund, warum seine einzige wirkliche Komödie, der starbesetzte „House of the long shadows“, nicht wirklich überzeugen kann.

Zum Release von WICKED-MEDIA

frightcoverWICKED präsentiert den Film als Nummer 4 ihrer „Pete Walker“-Collection in einem wunderschönen Mediabook mit drei Covervarianten, in der üblichen hochwertigen Qualität.

Der Film selbst wurde aufwendig neu abgetastet und liegt somit erstmals in einer nicht abgedunkelten Fassung und im Original-Kinoformat in deutscher Sprache vor, was speziell im Vergleich mit der alten VMP-Fassung eine Offenbarung ist, bei der man in den letzten zehn Minuten eigentlich die Handlung nur noch ahnen konnte.

Das Booklet beinhaltet eine schöne Abhandlung von David Ramske in der er dem Film seinen Platz im Kannibalen-Genre zuordnet. Der Audiokommentar mit Regisseur Pete Walker und Kameramann Peter Jessup geht auf einige der oben erwähnten Punkte ein und zeigt deutlich, dass man das alles nicht ganz so ernst nehmen sollte.

f07Den zweiten Kommentar von Lars Deyer Winkelmann konnte ich bisher noch nicht hören, den werde ich mir bei der nächsten Sichtung des Filmes noch zu Gemüte führen. Das 15-minüte – recht aktuelle – Interview mit Walker kannte ich bereits aus dem „The flesh and blood show“-Mediabook. Zusätzlich findet sich hier noch ein kleines Feature über Sheila Keith und die üblichen Trailer und Bildergalerien.

dia

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